„Kleine Geheimnisse – Perl oder Pica“ ist ein Spielfilm von 2006 aus luxemburgisch-österreichischer Produktion. Es ist eine Geschichte über das Älter werden und Zurechtfinden in einer Zeit, da niemand so wirklich weiß, wo man sich befindet und nach welchen Werten man sich am besten richten sollte. Vor allem aber auch eine Zeit, in der die mahnende Erinnerung an vergangene Jahrzehnte und die Angst vor neuerlichen Fehltritten Ausdruck in einer überstrengen Autorität und katholischen Moralität gegenüber der Jungen Generation fand. Der auf dem gleichnamigen Roman basierende Film zeigt auf authentische Weise, wie eine Gesellschaft jungen Menschen Richtlinien, Werte und ebenso Tabus auferlegt, dabei jedoch versäumt, auch nur ansatzweise Antworten auf Fragen zu liefern, die für jene Heranwachsenden wirklich von Bedeutung sind.

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Weder Kind noch Jugendlicher

 

Es ist das Jahr 1962. Die kleine Industriestadt Esch sur Alzette im Süden Luxemburgs befindet sich wie so viele andere Städte und Länder in der Starre des kalten Krieges. Die Menschen kämpfen mit den Vermächtnissen und Reminiszenzen des 2. Weltkriegs ebenso wie mit der Angst vor dem Rückfall in derartige Zustände. Währenddessen kündigt sich außerdem allmählich der revolutionäre Charakter der späten 60er Jahre in Form von Mode und Musik an. Inmitten dieser Gesellschaft steht der 12-jährige Norbi Welscheid (Ben Hoscheid), dessen Vater (André Jung), ein frommer Geschäftsmann, nach strikten Moral- und Wertevorstellungen lebt, während die Mutter (Nicole Max) diesen gehorsam zustimmt. Ohne irgendetwas von den großen Problemen seiner erwachsenen Mitmenschen zu verstehen, muss Norbi sich stattdessen den Sorgen eines heranwachsenden Jungen stellen, zu denen obendrein noch ständig nasses Bett am Morgen gehört. Weder Kind noch jugendlich muss Norbi die überharte Strenge des Vaters, oft in Form von Schlägen mit der Gerte, sowie die Prügel in der Schule ertragen. Doch statt sich den vielen Bevormundungen und Restriktionen entsprechend zu verschließen, drängt es Norbi viel, die vielen Geheimnisse, die ihn umgeben, zu lüften. Warum taucht der Buchstabe P im Kassenbuch seines Vaters auf? Wer hat den Mord in der Nachbarschaft begangen? Weshalb wird Norbis ältere Schwester Josette (Anouk Wagener) vom Vater so streng beäugt? Und wieso ist eines Tages wieder der Buchstabe P vom Namenszug über dem Geschäft des Vaters verschwunden?

 

Die Herausforderungen des Erwachsenwerdens

 

Neben all den offenen Fragen gibt es dann noch Norbis Mitmenschen. In der Schule wird er gehänselt und verprügelt, weil er Messdiener ist und außerdem vom sadistischen und streng nach Leistungsprinzip beurteilenden Lehrer Treines weniger hart behandelt wird, da er dem Jungen das Bestehen der Prüfung für das Gymnasium zutraut. Bei Aloyse, einer der stärksten und größten der Schüler, ist dies wiederum nicht der Fall, weshalb Norbi ganz besonders durch ihn zu leiden hat. Erst als die beiden gemeinsam Süßigkeiten aus einem Laden stehlen, entwickelt sich eine Freundschaft und Aloyse erzählt Norbi seine Vermutung bezüglich des Mörders in der Rue des Hauts-Fourneaux. Derweil lernt Norbi auch Fred kennen, einen älteren Jungen aus der Stadt, welcher vom Vater verachtet wird, da Fred der Sohn eines Kollaborateur aus dem 2. Weltkriegs zu sein scheint. Kollaborateur oder auch Gielemännchen, Nazis, Deserteure – all dies sind Worte, mit denen Norbi nichts anfangen kann, über die Fred jedoch bestens bescheid weiß, weshalb Norbi teils Bewunderung, teils Ehrfurcht ihm gegenüber empfindet. Irgendwann scheint Fred die Bedeutung des P im Kassenbuch von Herrn Welscheid entschlüsselt zu haben. Anschließend schreibt er mit Norbis Hilfe das Wort „Gielemännchen“ an die Wand des Geschäfts von dessen Vater. Norbi ahnt nicht, dass dies seinen Vater in Schwierigkeiten bringt. An dieser Stelle befindet sich der 12-jährige Junge vollends in einem Reifeprozess und ist nun an einem Punkt angelangt, da er beweisen muss, was es heißt, erwachsen zu werden.

 

Hintergrund des Films

 

Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman „Perl oder Pica“ von Jhemp Hoscheit, dessen Sohn Ben im Film die Rolle des jungen Norbi einnimmt. Der Roman ist eine autobiografische Darstellung von Hoscheits Erinnerungen an die Kindheit in den 1960er Jahren. Gedreht wurde der Spielfilm in direkter Nähe von Hoscheits Elternhaus und anderen Orten der Stadt. In Luxemburg erntete der Film sehr positive Resonanz und wurde zum Kassenschlager. Letztlich ist es ein Querschnitt der damaligen Gesellschaft, die sich den Gefahren des kalten Krieges ausgeliefert sah und derweil ebenso die Grausamkeiten des vergangenen Weltkrieges – auch in Bezug auf die eigene Schuldhaftigkeit – verarbeiten musste. Aus diesem Grund empfiehlt sich der Film nicht nur für das Luxemburgische Publikum, sondern für Menschen aus ganz Mitteleuropa.

 

Der Trailer von „Kleine Geheimnisse – Perl oder Pica“